Leitartikel: Mitten drin!
»Das Jahrzehnt des Bewusstseins«
Von Siegfried Woitinas
»Die Gehirne der Menschen verändern sich mit zunehmendem Tempo so stark, dass wir in fünfzig Jahren andere Menschenleiber haben werden, die aufgrund anderer Gehirnstrukturen anders denken, anders empfinden und anders handeln werden.«
Ergebnis einer Langzeitstudie des Instituts für rationelle Psychologie, München
Wir werden von unserem eigenen Tempo überholt! Nicht erst in fünfzig Jahren, sondern bereits heute erleben wir bei genauer Beobachtung eine Veränderung des individuellen Bewusstseins. Dieses drückt sich nicht nur in veränderten Gehirnstrukturen aus, sondern auch im sozialen Verhalten. Eine Umwertung vieler Werte ist im Gange. Das gilt nicht nur für die engeren Lebensbereiche, sondern auch für die großen politischen Zusammenhänge. –
Wir sind heute nicht mehr Menschen der Weimarer Republik des 20. Jahrhunderts, sondern auch dank der weltweiten Kommunikationstechnik hoch informierte und motivierte Bürger. Dieser Tatbestand mit seiner gravierenden Bewusstseinsveränderung ist nur noch nicht bei vielen Entscheidungsträgern angekommen, die ihre Machtbefugnisse aus den sozialen Strukturen des 19. und 20. Jahrhunderts beziehen.
Neue Wertmaßstäbe
Das von einem differenzierten und globalen Weltbild geprägte
Weltbewusstsein steht aber auch in reger Wechselwirkung mit
einem immer spiritueller werdenden Individualbewusstsein.
Das bringt eben auch neue Wertmaßstäbe für die praktische
Lebensgestaltung hervor. Nicht nur ökonomische Werte und
materieller Gewinn werden als entscheidend für die Lebensqualität erlebt, sondern die Möglichkeit des aktiven und kreativen
Mitgestaltens in sozialen Zusammenhängen rückt mehr
und mehr an die Stelle materiellen Profitstrebens.
Der Mensch entwickelt sich nicht als Einzelwesen, sondern
nur im Austausch mit anderen Menschen. Gut informiert werden
und tätig mitentscheiden ist eine sichtbar wachsende
Forderung. Hier wird von immer mehr Menschen ein anderer
Gewinn erlebt, der zunehmend – zumindest als ergänzend zum
Finanziellen, Materiellen – an Bedeutung gewinnt.
Neues Denken, Fühlen und Wollen
Das Bewusstsein dafür taucht allerdings nicht unbedingt von
allein aus den eigenen Seelentiefen auf. Es entzündet sich an
äußeren Ereignissen, die auf der Basis alter Wertmaßstäbe und
praktisch überholter sozialer Strukturen entstanden sind. Dahinter stehen eben auch die Träger alter Gehirnstrukturen, die
deren Denken, Fühlen und Wollen geprägt haben. Doch immer
mehr rückt der Mensch selbst mit seinem neuen Denken, Fühlen
und Wollen als sich entwickelndes Wesen in den Mittelpunkt.
Das Bahnhofsprojekt »Stuttgart 21« ist nur ein Beispiel dafür:
»Diese Schlichtung ist deutlich ein Signal dafür, dass in Deutschland die Zeit der Basta-Entscheidungen vorbei ist. Staatliche
Entscheidungen über solch gravierende Projekte ohne Einbindung der Bürger sind total antiquiert und gehören dem 20. Jahrhundert an.« (Heiner Geißler am 17.10.2010)
Auch an anderen Stellen, wo Menschen gegen Naturzerstörung
und gigantomanische Projekte auftreten, die ihren elementaren
Lebensraum bedrohen, steht ein wachsendes Gefühl dahinter,
dass der Mensch nicht nur den Mitmenschen, sondern auch die
ihn tragende und umhüllende Natur zu seiner gesunden Entwicklung braucht.
So ist im jetzigen Jahrzehnt der Mensch als Ich-begabtes
Wesen im Besonderen nicht nur zum globalen wissenschaftlichen
Forschungsprojekt geworden. Wir stehen alle auch als
betroffene Mittäter in einem als immer dramatischer erlebten
Kampf um das Wesen der eigenen Persönlichkeit. Anfang dieses
Jahres haben wir an dieser Stelle auf das globale Forschungsprojekt »Jahrzehnt des Bewusstseins« hingewiesen:
Weitere Leitartikel:
Folgen der Versäumnisse (1–3/2012)
Das "Entscheidende" (9–12/2011)
"Menschenbeben – Erdenbeben – unfassbare Gewalten" (5–8/2011)
"Mittendrin" (1–4/2011)
"Gehirn, Bewusstsein und Geist" (1–12/2010)
"Weltbild" (9–12/2009)
Machtwechsel? (4–8/2009)
Egoismus absolut? (1–4/2009)
»Das beginnende Jahrzehnt wird mehr denn je zu einem Kampf um die menschliche Persönlichkeit, als einem sich selbst souverän behauptenden Wesen. Werden soziale Bedingungen geschaffen für den Menschen als schöpferischer Mitgestalter seines eigenen Lebensraumes, oder wird er der wissenschaftlich optimierte, ferngesteuerte und nützliche Sklave eines industrialisierten Kultur- und Wirtschaftslebens? Die Ergebnisse dieser Forschungsanstrengungen, die unter amerikanischer Führung (!) weltweit vernetzt und auch finanziell gefördert werden, sollen am Ende dieses Jahrzehntes nutzbar zur Verfügung stehen.
Allein die Fragen: Ist Gehirnfunktion, Bewusstsein, Geist mit dem menschlichen ›Ich‹ identisch und gleichzusetzen? Welche Ergebnisse sind vielleicht vorprogrammiert, wenn von vornherein die Eigenständigkeit des menschlichen Geistes geleugnet wird? Zu welcher Lebenspraxis und zu welchen sozialen Strukturen werden die konkurrierenden Welt- und Menschenbilder am Ende dieses konkreten Zeitraums führen? Nicht die unbefangene Wahrheitssuche steht bisher im Vordergrund, sondern Nützlichkeitsdenken, Macht und einseitiges Gewinnstreben. Zielgruppe: Der Mensch als Objekt und Ware.
Doch es geht heute nicht nur um die Wissenschaft allgemein, sondern ganz konkret und direkt um den Menschen, d. h. uns selbst! Noch genauer gefragt: Werden in einer Zeit der wachsenden gesellschaftlichen Umbrüche und Krisen die Ergebnisse dieser gebündelten Forschungen dazu führen, die Menschenmassen zu kontrollieren und zu beherrschen, um seine ›optimierten‹ Fähigkeiten besser ausnutzen zu können? Oder: Werden die gewonnenen Erkenntnisse sich ergänzen, um die biologischen Grundlagen des Menschen so zu verstehen, dass er aus seiner einmaligen Individualität, d. h. aus seinem ›Ich‹, sein schöpferisches Potenzial handhaben lernt?«*
Was werden am Ende dieses Jahrzehntes für wissenschaftliche als auch praktisch soziale Ergebnisse stehen, die unser Leben bestimmen? Es ist ein dynamischer und brisanter Prozess. Und wir stehen mitten drin.
Siegfried Woitinas
* Forum-Programm 131, 1–4/2010