Leitartikel: Egoismus absolut?

Haben wir 7 Jahre geschlafen?

Von Siegfried Woitinas

Siegfried Woitinas »Die Gier eroberte auch die Vorstandsetagen.
Die Gier trieb die Gehälter in immer neue Höhen.
Die Gier machte verwegen und verführte zu Geschäften, die das schnelle Geld versprachen.
Diese Gier zersetzte letztendlich die Grundpfeiler des Gewerbes, Solidität und Integrität.«
Der Spiegel 42/2002, »Weltwirtschaft im Strudel der Bankenkrise«

Wohin führt es, wenn man das Egoismusprinzip, die daraus entspringende Gier und den Willen zur Macht als wesentlichste Antriebskraft der sozialen Entwicklung erklärt? Wir müssen gerade heute aufgrund der drastischen Erfahrungen die gravierenden Folgen entdecken und mit ertragen. Das gilt besonders dort, wo nicht andere menschliche Kräfte zum Ausgleich eingesetzt werden. Das trifft sowohl das individuelle sowie unternehmerische, wie auch das politisch nationale Denken und Handeln, wenn die Kraft des Egoismus und das Streben nach Macht unverhüllt zum wesentlichen Antriebsprinzip im sozialen und wirtschaftlichen Handeln erklärt wird.

Insofern lassen sich heute schon gewisse geistige Gesetzmäßigkeiten beschreiben, an denen sich Entwicklungstendenzen für die Zukunft ablesen lassen, wenn man nur konsequent genug nach dem wahren Motiv des Handelns forscht. – Wenn es gelingt in persönlichen wie politischen und wirtschaftlichen Krisen – trotz aller Komplexität der Zusammenhänge – das wesentlichste Antriebsmotiv zu finden, wird auch seine Wirkung vorhersehbar sein.

Denn egal was getan wird, wie und warum etwas in die Welt gesetzt wird, bestimmt entweder seine heilsamen aufbauenden oder zerstörerischen Langzeitwirkungen! Die äußeren Dinge – verkäufliche Waren, Einrichtungen, nützlich erscheinende Organisationen – sind nur die äußere Gestalt. Ihren Geist wird man nur entdecken, wenn man das wahre Motiv des »Warum« gefunden hat, aus dem letztendlich etwas geschaffen wurde: Ist es die egoistische Selbstverwirklichung mit ihrem Macht- und Gewinnstreben, welche auf die eine im Menschen wirkende Urkraft des Egoismus zurückzuverfolgen ist? Oder geschieht es aus der anderen, ebenfalls in der Natur des Menschen verborgenen Kraft des mitmenschlichen Interesses, seine schöpferische Kraft in den Dienst anderer zu stellen, oder gar aus Liebe zu Menschen und zur Natur? Durch das zweite Motiv wird die scheinbar gleiche Handlung einen anderen Geist zur Erscheinung bringen und ihm zu einer heilsamen Wirksamkeit verhelfen und damit letztendlich zu bewusster Solidarität und Integrität im Zusammenleben und Arbeiten der Menschen.

Der Geist, der aus dem konsequent praktizierten Egoismus uns entgegentritt, sein ungehemmtes Machtstreben, seine Gier, zeigt erschreckend deutlich seine Raubtiergestalt, die sich lange hinter der Maske des »materiellen Wohlstands für alle« verborgen hatte!

Weitere Leitartikel:


"Weltbild" (9–12/2009)

Machtwechsel? (4–8/2009)

Egoismus absolut? (1–4/2009)

Die Maske verschwindet, von innen zerfressen, und ein realer Geist wird sichtbar: Er zeigt das Wesen eines Raubtiers in überdimensionaler Größe, der Menschen von sich besessen macht, den Egoismus steigert, die Gier ins Maßlose treibt und zugleich das Bewusstsein trübt.

Doch trotzdem die Maske verschwindet, will man sein weltweit agierendes Wesen – was durch die materialistische Weltsicht der Köpfe wirkt, ohne dass sie sich dessen bewusst werden, – in seiner globalen zerstörerischen Dimension noch immer nicht nüchtern sehen. Warum? Der Anblick dieses Wesens und die Erkenntnis seiner wirklichen Absichten als reales geistiges Wesen erzeugt Angst und lähmt zugleich die schöpferischen Kräfte des Menschen, wenn er unvorbereitet damit konfrontiert wird. – Sprechen nicht die Zusammenbrüche hohl gewordener, von Gier zerfressener Imperien eine deutliche Sprache?

Natürlich wird bereits zaghaft nach ausgleichenden ethischmoralischen Grundsätzen gerufen, doch was helfen Grundsätze gegen ein reales Wesen, dem Millionen von Menschen dienen, die es mit ihren Ersparnissen genährt, es stark gemacht und es angebetet haben, weil es eine angenehme Zukunft versprochen hat und weiterhin verspricht.

Doch auch ein ganz anderer Geist kann heute für uns erlebbar werden. Er wirkt bereits eher im Verborgenen durch unzählige Menschen auf dem ganzen Planeten. Er wirkt als reale Kraft ermutigend und impulsierend dort, wo Menschen sich nicht selbst bereichern und erhöhen wollen durch ihr Handeln. Er inspiriert zu Erfindungen und Einrichtungen, die aus dem selbstlosen Einbeziehen der Lebensbedingungen aller Wesen und Naturreiche hervorgehen und den Menschen umgeben. Er stärkt alles, was auf die weisheitsvollen Lebenszusammenhänge abzielt.

Was in dieser Art aus Liebe zu dieser alles Leben durchdringenden Weisheit getan und erfunden wird, wird aber auch die individuelle Aktivität von Menschen anregen. Und dieses auf Selbstlosigkeit gegründete Verhalten wird auch die schöpferischen Kräfte im Denken, Mitempfinden und Handeln so steigern, dass nach und nach auch die geistige Trägheit der Menschen überwunden wird und die Kraft zum Verzicht auf rein materiellen Wohlstand in gleichem Maße zunehmen wird.

Er wird auch das Bestreben bei Menschen wecken, mit einem Minimum an technischer Kommunikation die Verbindung zu all jenen Menschen in aller Welt zu verstärken, die versuchen der Erde zurückzugeben, was ihr ursprünglich genommen wurde.

Die Folgen werden sein, dass auch die Entwicklung geistiger Kräfte zur Umwandlung und Beherrschung des eigenen Wesens an die Stelle der aggressiven, nach außen gerichteten Gewalt des ungehemmten Egoismus treten kann und in der Sozialität, in allem praktischen Zusammenleben der Menschen einen bewussten Ausgleich in Form eines globalen Gemeinsinns herausfordert. « – Das wurde 2002 geschrieben!

Seither konnte sich der von allen bemerkte Raubtiergeist durch die Handlungen der Menschen hemmungslos entfalten!

Und nun? Wird die aus der Krise gewonnene Erkenntnis für die nächsten Jahre entschlossen genutzt, um der Gesellschaft wieder ein menschliches Gesicht zu geben? Die Chancen sind da!

Siegfried Woitinas