Leitartikel: Zeit der Entscheidung

Von Siegfried Woitinas

Lässt sich die Zukunft vorausschauen? Wenn »ja«, in welchem Maße? Welche Natur- und Entwicklungsgesetze kennen wir, die sich in allen natürlichen und sozialen Ereignissen geltend machen? Worin besteht in all diesem die menschliche Freiheit und welchen Einfluss haben wir Menschen auf das zukünftige Geschehen? Können wir in der menschlichen und menschheitlichen Entwicklung vielleicht eine geistige Führung erkennen, welche unserem Leben und Handeln einen tieferen Sinn verleiht, und welche Bedeutung hätte das für unser Leben? Das sind einige Fragen, die sich stellen, wenn man die Zukunft erforschen will.

Eines kann vor allem deutlich sichtbar werden: Alles Leben verläuft in Rhythmen. Und alle aufbauenden Kräfte in Natur und Mensch können nicht ohne abbauende Kräfte stattfinden, so dass es ohne Zerstörung des Bestehenden kein neues Leben geben kann. Auch das ist eine wichtige Erkenntnis bei der Frage nach der zukünftigen Entwicklung. Es ist jedoch ein tiefes menschliches Bedürfnis, das einmal Erworbene, das Bestehende festhalten zu wollen. Denn darin besteht ja das unmittelbar gegenwärtige Seins-Erleben! Doch alles hat eben seine Zeit und seine Gültigkeit.

Nicht nur das Leben der Natur und auch die Lebensprozesse im Menschen unterliegen der Vergänglichkeit, so schmerzlich, ja bitter uns das immer wieder berühren mag. Wir versuchen, uns oft mit Gewalt dagegen aufzubäumen. Und doch liegt hier ein tiefer Sinn verborgen, den wir nur begreifen müssen, ohne den es keine innere Erlebnisfähigkeit des Menschen gäbe. »Die Natur hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben«, erkannte Goethe und sagte weiter auf den Menschen bezogen:

»Wenn du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist Du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.«

So paradox es aber scheinen mag: Gerade hier beginnt das Gebiet der Freiheit, das heißt, die Möglichkeit des Handelns aus freier Erkenntnis, weil wir nur hier, wo etwas Altes, etwas Gewordenes abstirbt, das Neue aus der Kraft unserer Ideen-Impulse schaffen können! Das macht uns im Gegensatz zu den reinen Naturwesen, die nur in ewiger Wiederholung des Gleichen leben, erst zum Menschen.

Diese Fähigkeit und auch das Erlebnis, die zukünftige Welt mitgestalten und mitschaffen zu können, gehört zu den essentiellen Eigenschaften eines sich selbst bewusst entwickelnden Menschen. Das aber kann nur stattfinden, wenn die äußeren sozialen Lebens- und Arbeitsformen sich als erneuerungsfähig erweisen! Zeigt sich der soziale Organismus als nicht erneuerungsfähig und verteidigt seine alten Strukturen, wird er zum Gefängnis und führt zum Ersterben der im Menschen wirkenden Persönlichkeitskräfte, zu denen in zunehmendem Maße auch das Streben nach Mitgestaltung der Zukunft gehört.

Doch nicht nur der Wille zum äußeren Mit-Tun wird dann gelähmt, sondern auch die im Menschen zur Geltung drängende Entscheidungskraft. Und die ist der innerste Ausdruck seines »Ich«!

Entscheidungen treffen – im Kleinen wie im Großen – im Gedankenbilden, im Fühlen und Urteilen, so wie auch im äußeren Handeln, ist elementarste Ich-Tätigkeit. Wird diese unterdrückt, kann keine vollständige Persönlichkeitsentwicklung stattfinden und dies führt zu weitreichenden Störungen und Erkrankungen, die unweigerlich auch ihre lähmenden Auswirkungen in der Sozialität haben.

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Doch gerade dieses Mitwirken-Wollen der einzelnen Persönlichkeit gehört zu den prägenden Entwicklungsimpulsen, die aus der Zukunft in die Gegenwart hereinwirken. Wir können es die Zeit der Bewusstseinsseele nennen. Hiermit sind aber auch die sich z. Zt. gewaltig zuspitzenden Umbrüche und Krisen verbunden, die sich auf allen Lebensgebieten ereignen. Das heißt aber eben, dass die in der Vergangenheit wirkenden Sozial-Mechanismen, die noch immer im wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Leben dominierend sind, durch zukünftige, an der Realität orientierte, bewusst hergestellte Lebensformen ersetzt werden müssen, denen entsprechend andere Wertmaßstäbe zugrunde liegen.

Alle äußeren Krisensymptome, die wir gegenwärtig erleben, sind nur ein Ausdruck für einen Kampf der aus der Zukunft herein drängenden Entwicklungsimpulse, gegen die beharrenden Vergangenheitskräfte, die sich mit allen verfügbaren Mitteln zu Wehr setzen! Das Ergebnis ist aber zunächst nur zunehmendes Chaos. Denn alles Leben hat seine Zeit und entwickelt sich in Rhythmen. Und das Neue, was durch das gegenwärtige Zeitfenster hereinscheinen möchte, kann nicht durch bestehende Systeme, sondern nur durch die Initiativ-Kraft der einzelnen Menschen wirksam werden, wenn diese sich sachbezogen zusammenschließen. – Zeit der Entscheidung! Doch woher nehmen wir die Kriterien, nach denen wir die Entscheidungen treffen, denn diese werden die Richtung bestimmen, ob es aufwärts in eine spirituelle und menschlichere Zukunft geht oder weiter in den Abgrund. Von diesen Kriterien wird die Gestaltung unserer Zukunft abhängen.

Siegfried Woitinas

Siehe auch die entsprechenden Vorträge: